Die aktuellen Entwicklungen geben zu denken. Wirtschaftliche Instabilität, wachsende soziale Ungleichheit, ökologische Überschreitung planetarer Grenzen – und gleichzeitig politische Konzepte, die das Bestehende unter veränderten Vorzeichen fortschreiben, ohne strukturelle Grundlagen in Frage zu stellen. Die Green Economy verspricht Wandel und liefert Modernisierung. Künstliche Intelligenz soll soziale und kulturelle Probleme lösen, die auf einem beschränkten, zu materialistischen Weltbild gründen.
Während auf politischer Ebene nach Antworten gesucht wird, erproben Menschen in selbstorganisierten Initiativen seit Jahrzehnten andere Formen des Wirtschaftens – ohne Schlagzeilen, aber mit bemerkenswerter Konsequenz und Langlebigkeit. Ich arbeite gerade wieder an einem Buchbeitrag, der genau diesen Initiativen gilt: Ökodörfer und Intentionale Gemeinschaften. Innovative Reallabore für einen Wirtschaftswandel „von unten“.
Der Titel des Sammelbandes – Zerfallende Ordnungen – beschreibt treffend, was viele gegenwärtig erleben, und stellt dem die Perspektive der Hoffnung als gesellschaftliche Praxis entgegen. In meinem Beitrag – gestützt auf mehr als 25 Jahre empirischer Forschung in und über intentionale Gemeinschaften weltweit, zeigt wie Ökonomie auf andere Werte als Profit gestützt gelebt werden kann. Im Mittelpunkt stehen Ökodörfer und Kommunen als besonders weitgehende Reallabore alternativer Ökonomie. Der Beitrag versteht diese als Teil einer breiteren zivilgesellschaftlichen Bewegung, die weit in den gesellschaftlichen Alltag hineinreicht: Solidarische Landwirtschaftsinitiativen, in denen Erzeuger und Konsumentinnen langfristige Verantwortungsbeziehungen eingehen. Tauschringe und Zeitbanken, die menschliche Fähigkeiten und Zeit als Ressource begreifen. Wohngenossenschaften und Gemeinschaftsprojekte, die Grund und Immobilien dauerhaft der Spekulation entziehen. Unterstützungsnetzwerke, die Care-Arbeit strukturell aufwerten. Diese Initiativen teilen eine gemeinsame Logik: Sie priorisieren Kooperation gegenüber Konkurrenz, Gemeinwohl gegenüber Profitmaximierung, Suffizienz gegenüber Wachstum.
Ein zentrales Ergebnis meiner Forschung, das mich nach all diesen Jahren nach wie vor beschäftigt: Strukturelle Innovationen in der Ökonomie sind ohne innere kulturelle Transformation und Persönlichkeitsentwicklung nicht dauerhaft tragfähig. Solidarische Strukturen setzen Vertrauensbeziehungen, kommunikative Kompetenz und die Bereitschaft zur Selbstreflexion voraus – Qualitäten, die in individualisierten Gesellschaften systematisch unterentwickelt bleiben und in diesen Gemeinschaften bewusst kultiviert werden.
In Zeiten zerfallender Ordnungen sind solche Initiativen für mich weder romantische Gegenentwürfe noch bloße Nischenphänomene. Sie sind empirisch beobachtbare Keimzellen einer anderen gesellschaftlichen Praxis – und als solche ein ernstzunehmender Gegenstand sozialwissenschaftlicher Analyse wie gesellschaftlicher Debatte.
Ich freue mich auf den Austausch mit allen, die sich für solidarische Ökonomie, zivilgesellschaftliche Transformation und die Frage interessieren, wie gesellschaftlicher Wandel „von unten“ gelingen kann. Und empfehle – bis das neue Buch veröffentlicht ist – unseren früheren Sammelband, der nichts an Aktualität verloren hat:”Jenseits von Wachstum und Nutzenmaximierung – Modelle für eine gemeinwohlorientierte Wirtschaft”
